Ralf Rangnick hat es als „richtungsweisend“ bezeichnet, und das ist noch untertrieben. Österreichs erstes WM-Spiel seit 1998 ist gegen Jordanien der absolute Pflichtsieg – mit Argentinien und Algerien in der Gruppe darf man sich keine Ausrutscher erlauben. Die gute Nachricht: Die Voraussetzungen für einen erfolgreichen Auftakt sind exzellent. Der Gegner ist nicht nur klassenmäßig unterlegen, sondern auch personell schwer angeschlagen.
Während Österreich auf die Rückkehr von David Alaba, Marcel Sabitzer und Co. bauen kann, plagen die Jordanier echte Personalsorgen im Angriff. Yazan Al‑Naimat, einer der torgefährlichsten Stürmer der asiatischen Qualifikation, fällt wegen eines Kreuzbandrisses komplett aus. Dazu gesellt sich Ibrahim Sabra, der sich im Training einen Bänderriss am Knöchel zugezogen hat und ebenfalls nicht zur Verfügung steht. Damit fehlen den „Nasham“ zwei ihrer variabelsten und abschlussstärksten Angreifer. Die Offensive lastet nun fast vollständig auf den Schultern von Mousa Al‑Taamari, der allerdings gegen defensiv gut organisierte Teams oft verpufft.
Ein entscheidender Kaderunterschied
Österreichs Verlust von Christoph Baumgartner – der sich im Warm‑up vor dem Tunesien‑Test verletzte – ist schmerzhaft, aber nicht existentiell. Rangnick kann aus einem tiefen Kader schöpfen: Mit Michael Gregoritsch, Sasa Kalajdzic oder sogar Paul Wanner als zweiter Spitze stehen Alternativen parat, die das System des Hochpressens weiterführen. Die Abwehr um Alaba, Lienhart und Posch ist stabil, das zentrale Mittelfeld mit Seiwald und Xaver Schlager gibt Sicherheit. Im Gegensatz zu Jordanien, das nach den beiden Ausfällen kaum noch Erfahrung in der vorderen Reihe hat, kann Österreich auf eine eingespielte Hierarchie und größere taktische Flexibilität setzen.
Die jüngsten Testspiele untermauern den Eindruck: Die 1‑0‑Siege gegen Südkorea und Tunesien waren zwar knapp, aber kontrolliert. Gegen Ghana zeigte die Mannschaft ihr Potenzial mit einem 5‑1‑Kantersieg, als sich Räume öffneten. Jordanien hingegen kassierte gegen die Schweiz (1:4) und Kolumbien (0:2) deutliche Niederlagen, die vor allem offene Defensiv‑ und Umschaltprobleme offenbarten. Ohne Al‑Naimat und Sabra wird der Konterangriff noch berechenbarer, da Al‑Taamari als einzige echte Spitze leichter zu isolieren ist.
Die Motivation eines „Endspiels“
Rangnick hat bereits vor dem Turnier klargestellt: „Wir werden das Spiel bestreiten, als wäre es ein absolutes Finale.“ Die Mannschaft hat diese Botschaft verinnerlicht. Xaver Schlager betonte, dass man geduldig bleiben und gut gegenpressen müsse – genau die Qualitäten, die gegen einen defensiv eingestellten Underdog goldwert sind. Jordanien wird sich mit einer kompakten 3‑4‑3‑Formation tief hinten reinstellen und auf Umschaltmomente lauern, doch die individuelle Klasse der Österreicher – Sabitzer als Schaltzentrale, Arnautovic als erfahrener Vollstrecker – sollte den Unterschied machen. Die Quote von 1,394 erscheint angesichts der Ausgangslage zu hoch.





