Österreich gegen Jordanien zum WM-Auftakt – das klingt nach einer einseitigen Angelegenheit. Österreich ist die klar stärkere Mannschaft, spielt seit Jahren unter Ralf Rangnick einen identitätsstiftenden Pressingfußball und hat mit Spielern wie David Alaba, Marcel Sabitzer und Marko Arnautović echte Klasse in den eigenen Reihen. Doch wer das österreichische Nationalteam in den vergangenen Monaten verfolgt hat, der weiß: Dominanz bedeutet nicht automatisch eine hohe Siegdifferenz.
Die jüngsten Ergebnisse sprechen eine deutliche Sprache. Gegen Tunesien reichte es zu einem knappen 1:0, gegen Südkorea ebenfalls nur zu einem 1:0. Auch das Qualifikationsspiel gegen Bosnien endete 1:1, und selbst der 5:1-Erfolg gegen Ghana war vor der Pause eine enge Angelegenheit. Österreich gewinnt – aber selten mit mehr als einem Tor Unterschied. Die Mannschaft von Rangnick ist taktisch diszipliniert, aber die offensive Durchschlagskraft ist oft limitiert, wenn der Gegner tief und kompakt steht.
Baumgartner-Aus schwächt den letzten Punch
Der Ausfall von Christoph Baumgartner wiegt schwer. Der offensive Mittelfeldspieler war nicht nur ein wichtiger Torschütze, sondern auch der zweite Anlaufpunkt nach Sabitzer, der in engen Räumen für Gefahr sorgte. Ohne ihn fehlt Österreich eine entscheidende Option, um die letzte Reihe zu durchbrechen. Zwar kehren Alaba und Laimer zurück – die Defensive ist stabil –, doch in der Offensive muss Rangnick umstellen. Ob Kalajdžić oder Gregoritsch die Lücke füllen kann, ist fraglich. Beide sind andere Typen, weniger flexibel in der Bewegung, weniger gefährlich aus der zweiten Reihe.
Jordanien hingegen kommt mit einer klaren Marschroute – und historisch hoher Motivation. Das Team absolviert sein erstes WM-Spiel überhaupt, wird von einem euphorisierten Publikum unterstützt und hat in den vergangenen Testspielen gegen Kolumbien (0:2) und die Schweiz (1:4) zwar verloren, aber immer wieder auch Nadelstiche gesetzt. Gegen die Schweiz erzielte Odeh Fakhouri den Treffer zum zwischenzeitlichen 1:3, die Offensive ist mit Mousa Al-Taamari, der bei Montpellier auf hohem Niveau spielt, durchaus gefährlich.
Jordanien verteidigt sich nicht mit dem Bus – aber mit System
Die defensive Grundordnung von Jordanien unter Trainer Hussein Sellami ist ein 3-4-3, das bei Ballverlust schnell in eine kompakte Fünferkette fällt. Die Mannschaft hat in den Asien-Qualifikationsspielen und beim Arab Cup gezeigt, dass sie physisch und taktisch in der Lage ist, auch stärkere Gegner vor Probleme zu stellen. Die Verletzungen der Stürmer Al-Naimat und Sabra schwächen zwar die Tiefe im Kader, doch die Grundstruktur bleibt. Al-Taamari wird zudem bei Kontern immer wieder für Gefahr sorgen – und damit Österreich zwingen, nicht zu hoch zu stehen.
Der Buchmacher setzt die Quote für ein österreichisches Handicap von -1,5 auf 2,075 an. Das impliziert eine Wahrscheinlichkeit von knapp unter 50 Prozent, dass Österreich mit zwei oder mehr Toren Unterschied gewinnt. Angesichts der jüngsten Leistungen, der personellen Situation und der taktischen Robustheit Jordaniens erscheint diese Einschätzung zu optimistisch. Ein 1:0 oder 2:0 für Österreich ist das wahrscheinlichste Ergebnis, aber ein 2:1 oder sogar 1:1 ist nicht ausgeschlossen.





