Hört mir gut zu, Freunde des gepflegten Rasensports! Wenn ich mir die Linien auf den Bildschirmen anschaue, muss ich mir wirklich die Augen reiben. Die Buchmacher haben die Quoten für einen Sieg des Iran künstlich in die Höhe geschraubt, weil sie sich von Schlagzeilen leiten lassen. Da wird über den organisatorischen Albtraum der Iraner geschrieben, über ein zähes Trainingslager in Tijuana und angebliche Reisestrapazen.
Gleichzeitig verfällt der Markt in eine unbegründete Ehrfurcht vor Neuseeland, nur weil die All Whites gegen England eine knappe Niederlage ermauert haben. Lasst euch von dieser reinen Defensivschlacht nicht Sand in die Augen streuen!
Die angebliche Krise verpufft im eigenen Wohnzimmer
Vergesst die Meldungen über Reisemüdigkeit. Dieses Spiel findet im SoFi Stadium in Los Angeles statt – einer Stadt mit einer gigantischen iranischen Diaspora. Sobald der Schiedsrichter anpfeift, wird sich diese Arena für den Iran wie ein waschechtes Heimspiel anfühlen. Dieser emotionale Kessel wird jeglichen Frust über schlechte Organisation und lange Busfahrten binnen Sekunden in pure Energie auf dem Platz verwandeln.
Nationaltrainer Amir Ghalenoei hat eine ungemein erfahrene Truppe beisammen, die genau weiß, wie man solche Spiele anpackt. Wer ernsthaft glaubt, dass Mehdi Taremi und seine Offensivkollegen wegen eines holprigen Vorfelds plötzlich das Fußballspielen verlernt haben, ist schief gewickelt.
Risse im neuseeländischen Beton
Schauen wir uns doch mal die harte Realität auf der anderen Seite an. Die Linie übersieht zwei absolut brutale Fakten. Erstens: Das Herzstück der neuseeländischen Mannschaft bröckelt. Wenn sich der wichtigste kreative Kopf, Matt Garbett, beim Abschlusstraining am Oberschenkel verletzt, ist das ein verdammter Wirkungstreffer. Ohne ihn und mit einem Mittelfeld, das sich erst mühsam zusammenfinden muss, fehlt jegliche Kontrolle und Entlastung.
Wer gegen eine technisch überlegene Mannschaft nur den Ball wegschlägt, bettelt um Gegentore. Erinnert euch nur an das sportliche Debakel der Neuseeländer gegen Haiti! Sobald aggressiver Druck auf die Abwehrkette ausgeübt wurde, fiel das Konstrukt wie ein Kartenhaus zusammen. Wenn Haiti bei einem lockeren Aufgalopp vier Tore einschenken kann, werden eiskalte Profis wie Taremi diese Lücken gnadenlos sezieren.
Keine Zeit für Spielereien
Für den Iran ist dieses Auftaktspiel ein absoluter Pflichtsieg. Wenn du in einer Gruppe mit Belgien und Ägypten ums Überleben kämpfst, darfst du gegen das nominell schwächste Glied keine Punkte liegen lassen. Sie werden aufs Gaspedal treten und die drei Punkte erzwingen.
Ich hatte kurz mit dem Gedanken gespielt, auf wenige Tore zu setzen, da die Iraner durchaus wissen, wie man einen knappen Vorsprung im Verwaltungsmodus heimschaukelt. Aber die offensichtliche Neigung der neuseeländischen Abwehr, bei Stress völlig den Faden zu verlieren, macht das zu einem Tanz auf dem Vulkan. Ein einfacher, schnörkelloser Sieg des Favoriten ist hier der einzige logische und lukrative Weg, um die Fehlkalkulation der Quotenmacher knallhart auszunutzen.





